Buddha auf dem Mofa

 
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Die Massen an Mofas fuhren unaufhaltsam und schienen sich wie Wasser zu verhalten, wenn ich versuchte, die Straße zu überqueren und durch sie hindurchging. Man musste ihnen vertrauen. So schläfrige die Menschen auf ihnen auch fuhren, so klar und wach waren sie, flexibel konnten sie jeden Weg nehmen. Das Meer aus Mofas war ein Kondensat der Mobilität, es zeigte, wie der Mensch ständig in Bewegung ist, dynamisch fließt sein Leben. Ich spürte den Buddhismus nie klarer und überzeugender als im Überqueren einer Straße in Saigon. Der Geist der östlichen Philosophie wurde hier physisch gezeitigt. Beides war Eins, wird es immer bleiben. 

So dachte ich damals, dass unser aller Leben im Grunde eine gigantische Welle ist, die unentwegt rollt, auf und ab. Wie das Licht als Welle durch die Unendlichkeit reist, so reisen wir Menschen auf Wellen dahin, funktionieren als Welle, sind im Takt, und wenn nicht, brechen wir wie Wellen und fallen plump zusammen -  darum sind wir mobil. Mobil zu sein, bedeutet beweglich zu sein und damit menschlich zu sein. So wage ich zu behaupten: Je unmenschlicher eine Gesellschaft, desto stärker zeigt sie uns die Grenzen der Mobilität auf. Mobil zu sein, heißt Vertrauen zu schenken. 

Jeder Verkehr wird durch das Licht der Ampeln zur Welle, ist es bereits durch die Taktung des Lebens; wer fließt, ist frei, das spüren wir bei jeder Reise. Ich stehe nun am Alexanderplatz, kein Vergleich zur fließenden Fülle in Vietnam, ein Schwung Autos rollt bei einer Grünphase auf den Straßen, dann kreuzen Fußgänger, der Schwung muss anhalten, erst bei der nächsten Grünphase dürfen die Autos weiterfahren, ihr Fortkommen bewegt sich auf und ab, wie das Gebilde einer Welle. Ich denke, versunken in den Phasen der Ampeln, so funktioniert auch alles andere im Leben des Menschen. Ob schlafen, essen, lieben, streiten, tanzen, wenn wir etwas tun, dann wellenartig, im auf und ab des Tuns treiben wir, Yin und Yang suchen stets das Gleichgewicht. Wird eine Welle zu groß, übertreiben wir es und die Monsterwelle wirkt irgendwann zerstörerisch auf andere und auf sich selbst, also auf uns, weil sie das ruhige Dahingleiten behindert. Wer hoch steigt, kann tief fallen, aber nur so, wie die Welle tief ist. 

Doch die Welle der Mobilität ist nicht für jeden eine dahingleitende Welle. Für viele sind diese Wellen niemals zu erreichen. Denn heute mobil zu sein, bedeutet zu leben. Global zu leben. Am offensichtlichsten wird ursprüngliche Immobilität bei einem Rollstuhlfahrer. Lokal hat er Schwierigkeiten im Strom der Massen mitzukommen, kleinste Erhöhungen können ein Hindernis darstellen, jede Treppe eine Herausforderung und jeder gröbere Waldweg ein unmögliches Unterfangen – ich sehe das Lokale als etwas Physisches. Und so bedeutet, global mobil-sein-zu-können, vor allem fliegen und im Internet sein zu können. Wer nicht fliegen kann und keinen Zugang zum Internet hat, sitzt im Rollstuhl der globalen Gesellschaft, ist ausgeschlossen durch fehlender Eingänge. Paradoxerweise kann ein Rollstuhlfahrer ohne Probleme an der globalen Gesellschaft teilnehmen, viele gesund lokal-mobile Menschen jedoch nicht. Sie sind durch fehlendes Kapital zu globalen Krüppeln geworden. Die globale Gesellschaft definiert Mobilität radikaler und verzerrt den gewohnten Umgang mit ihr. Globale Mobilität heißt heute: Digital liquide sein. 

Richard David Precht schlägt zur Finanzierung des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) eine Geldtransaktionssteuer vor, die für die Schweiz im Bereich von 0,05 Prozent liegen könnte, um so monatlich ein BGE von 2.500 CHF für die Schweizer Bürger zu sichern. So würde nicht nur der globale Finanzkapitalismus gezügelt und stabilisiert werden, sondern auch ein BGE finanziert werden können, durch das Geringverdiener so gut wie nicht belastet werden. Tragen würde diese Finanzierung die Reichen und Superreichen, die an der Börse mit Millionen und Milliarden zocken. Dadurch wird die Mobilität des Großkapitals ein kleines wenig gebremst. Doch wie sieht es mit der Mobilität des Menschen aus? Jener Massentourismus, jener Drang ständig in Bewegung sein zu müssen und die Welt entdecken zu wollen, ist für die Umwelt und das Klima ein wahnsinniges Problem. So flogen 2017 ungefähr 3,8 Milliarden Menschen durch die Gegend, wovon sicherlich viele mehrfach geflogen sind - die die nicht fliegen, wurden durch Vielflieger ausgeglichen. Interessanterweise haben auch ca. 3,8 Milliarden Menschen Zugang zum Internet. Die Zahl korreliert sicherlich nicht, sie sagt aber etwas über den Zugang zu Technologien aus, die es schaffen, Zugang zu globaler Mobilität zu geben. Wenn ich Zugang zum Internet habe, habe ich Zugang zur globalen Ökonomie und damit Chancen auf Einnahmen. Gleichzeitig habe ich digital Zugang zu globaler Mobilität - virtuell und physisch. Und wenn ich global mobil sein kann, dann kann ich auch frei sein. Die Frage ist: frei wovon? 

Ob nun China oder Nordkorea die Ausreise regeln oder der Kapitalismus mit seiner „unsichtbaren Hand“, beides wirkt restriktiv, das eine ist aktiv, das andere wirkt passiv als Abfallprodukt. Wer Geld hat, liquide ist, darf reisen - das ist in der Tat Freiheit von Immobilität. Wenn also Geld Grundlage von Mobilität geworden ist, dann sollten wir für eine gerechte und menschliche Welt alles tun, dass Mobilität günstig oder gar kostenlos wird. Und nein, Uber ist keine Lösung, sondern Teil des Problems. Auf der anderen Seite trägt Mobilität nämlich zum Klimawandel und Verbrauch von Ressourcen bei. Was also tun? Wie immer helfen nur der bewusste Umgang und das Vermeiden ausufernder Exzesse. 

Wenn wir in exponentiellen Zeiten leben, warum dann nicht exponentiell dagegen steuern? Mein Vorschlag wäre genau dieser: Sobald Mobilität im Sinne der Exponentialität Schaden verursacht, muss sie eingedämmt werden. So wie Alkohol Schaden verursachen kann, sollten wir unsere Umwelt davor beschützen. Warum also Mobilität nicht in Schadenskategorien einteilen? Wer z.B. oft kurze Strecken mit dem Auto fährt, zahlt mehr Steuern oder wer mehr als fünf Mal im Jahr fliegt, zahlt höhere Steuern. Wer einmal im Jahr mit der Familie in den Urlaub fliegt, muss keine Auswirkungen befürchten. Da sich jedes Unternehmen an diese Steuer beteiligen muss, zahlen alle mehr und aufkommender Wettbewerb führt dazu, dass Lösungen gesucht werden, um unnötige Flüge zu minimieren.  

Doch wie definiert man eine Schadenskategorie, die hoch besteuert werden sollte? Ein Beispiel: Für die Mobilität mit dem Auto könnte die bisherige Grenze für Feinstaub-Belastung genutzt werden. Die Frage wäre demnach: Wie oft dürfte ein Auto in Hamburg, Berlin oder München pro Tag fahren, damit die Feinstoffbelastung nur 50 Prozent (diese Zahl ist in der Tat willkürlich) unter dem erlaubten Wert liegt? Sofern Fahrten diesen Wert übersteigen, werden sie besteuert. Werden diese Angaben dann noch hübsch in einer App visualisiert, könnte so jeder Bürger sehen, welche Auswirkungen seine nächste Fahrt auf die Umwelt konkret hat. So wie es die Staatsschulden-Uhr gibt, so sollte es auch eine Umweltschaden-Uhr geben, an der jeder Bürger eine aktive Teilhabe und konkrete Verantwortung hat. Das Wann-etwas-Zerstörung-Verursacht möchte ich Grenzzerstörung nennen. 

Eine Definition von Grenzzerstörung ist notwendig, um feststellen zu können, ab wann Aktionen massiv schädlich sind. Früher, vor meiner Zeit, gab es Sonntage an denen es ein Fahrverbot gab, um den Smog in den Städten zu reduzieren. Plaketten für verschiedene Motoren sollen Autos mit hohem Schadstoffgehalt aus den Städten verbannen. Warum gehen wir die Rettung der Umwelt nicht sinnvoll und wirklich nachhaltig an? Schlaue Algorithmen könnten die Werte der Grenzzerstörung auf verschiedene Bereich anwenden und so die Steuer entsprechend regulieren. Nun wäre es an der Aufgabe, für jeden Bereich, der etwas mobilmacht und bewegt - physisch oder virtuell - eine entsprechende Grenzzerstörung zu definieren und so eine sinnvolle Besteuerung einzuführen.

Felix Wieduwilt