Ich will meinen Tamagotchi zurück

 
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Die S-Bahn fährt fast lautlos in den Bahnhof ein, niemand redet, die Sonne scheint warm am Horizont, so stelle ich es mir wenigstens vor. Alle sind wach und doch scheinen alle zu schlafen, niemand sagt etwas, die Gesichter eingerostet. Die Luft liegt ruhig, als wäre es verboten, sie zu dieser Zeit zu verwirbeln, Chaos zu verursachen, welches gerade niemand braucht. Werden die Menschen in zehn Jahren wild-durcheinander mit ihren künstlichen Intelligenzen sprechen?Wird die ganze S-Bahn mit kleinen digitalen Liebhabern und Freunden bevölkert sein, um die alle wissen, aber immer nur derjenige sie sieht und hört, für den die AI bestimmt ist? Tamagotchis aus Japan waren solch Vorboten, heute vielleicht noch Pokémon, die überall auf den Smartphones lauern und gefangen werden können. 

Damals, in den 90ern, wir kümmerten uns um einen monochromen Bildschirm, der Essen wollte und kacken konnte. All das Kümmern und Sorge-tragen fand im Geiste statt, nichts geschah wirklich, jedoch hatten wir etwas zu tun. Wenn ich es heute betrachte, ist das vielleicht Kunst, die dem Menschen angetan wurde, wie uns ein Gemälde angetan wird, dessen Konfiguration der Geist übernimmt. Kunst ist ja auch nur Vorstellung des Geistes. Der User des Tamagotschis suhlte sich in der Vorstellung des Taschentieres, das zwar keinen Dreck machte, dafür aber immer da war und eine Beschäftigung bot. Er oder sie oder es half uns, uns in unsere kleine Welt zurückzuziehen, ja vielleicht Anerkennung zu erhalten, weil wir etwas schafften, kleine Likes vom Taschentier erhielten. Das alles war sichtbar.

Ich kann mir diese offene, emotionale Sichtbarkeit mit einer AI im Zug nicht vorstellen. Werde ich mich irren? Können wir bald besser mit unserer AI reden, als mit unserem Partner oder Kindern, weil die AI nicht eskalierend, sondern stets deeskalierend auf uns wirkt? Wenn das die positiven Auswirkungen sind, dann finde ich das wohl gut, weil wir friedlicher werden, weniger gestresst, vielleicht entstehen so weniger Herzinfarkte, wenn meine AI mich dauerhaft glücklich macht. AI als Dauerdroge für den Geist, weil wir ständig Anerkennung erhalten. Doch was sind die Downsides? Stärkere Isolation, mehr Narzissmus, Einsamkeit, das Gefängnis im Geiste wird ausgebaut, die Mauern um uns herum stärker, die Ängste ohne die eigene AI sein zu können, nimmt zu.

Die S-Bahn hielt, die Türen gingen auf, lärmende Bahnhofsansagen drangen in mein Bewusstsein, Rollkoffer und Hektik brachen die Stille, ich wollte jetzt einen Kaffee trinken, bevor ich in den ICE nach Hamburg steigen würde. Die morgendliche Stimulation für den Geist, die Geborgenheit am Morgen, die uns Halt und Rahmen für den Tag gibt. Wird das in Zukunft meine künstliche AI übernehmen? 


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Gatebox.ai - die neuen Vorboten aus Japan.

Felix Wieduwilt