Ein blick in die Zukunft möcht' ich wagen, lass mich das Genom-Orakel befragen. 

 
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Auf dem Trottoire laufen überwiegend Zombies herum. Sie starren auf ihre Screens, sind dennoch zielsicher, andere Menschen, Tiere und Schilder umschiffen sie gekonnt. Chatten, ordern, matchen, liken, scrollen, das digitale Sein hat fast so viele Disziplinen, wie die Olympischen Spiele. Einen schiefen Rücken und Kurzsichtigkeit bekommen sie gratis, so sagen es zahlreiche Studien voraus. Und doch gibt es sie, die Leichttürme unserer menschlichen Gesellschaft: die Alten, auch sie haben einen krummen Rücken, wohl ob der schweren Arbeit. Sie gehen genüsslich sinnierend durch die Menge, lassen sich nicht anleuchten, erwarten nichts on-demand, kennen ihren Arzttermin schon Wochen im Voraus, hängt auf Papier geschrieben am Kühlschrank oder steckt im Portmonee.

Und so lässt sich der Bruch einer Gesellschaft auch am Liebesleben der Generationen erkennen. Die Alten, die den Krieg erlebt haben, führen Beziehungen für die Ewigkeit. Nicht nur im Herzen, auch physisch im gemeinsamen Mietvertrag, ertragen sich lebenslang. Und dann gibt es meine Generation, die sich über Paarship und Tinder matcht, dann liked und dann kommentiert und dann vielleicht auch verliebt. Manchmal versucht meine Generation auch so lange zusammenzubleiben wie unsere Großeltern, flüchten sich aber dann in geheime Chats auf dem Telefon, gehen digital fremd, können alles verstecken und löschen. 

Mir fällt das Genom-Orakel ein, darüber laß ich kürzlich. Alle unsere Dispositionen und Talente sind in den Genen bzw. in den Genomen angelegt. Wir werden, was wir schon je waren. Forscher können z.B. vorhersagen, welches Risiko für Herzinfarkte wie in uns tragen. Bei der Bestimmung der Intelligenz hapert es noch ein wenig, aber auch hier fliegen die Orakelpfeile der Wissenschaft sicherlich bald zielsicher und sagen noch vor der Geburt unsere Persönlichkeit voraus. Das Startup 23andme untersucht schon jetzt unsere 23 Chromosomen-Paare und erstellt somit Vergleichsprofile mit anderen Menschen.

Wann wird Tinder und Paarship sich an die API von 23andme anschließen? „Suche Partner der vor 85 kein Pflegefall wird“ könnte dann ein Suchparameter sein. Auch für Schulen wären fortan immer die richtigen Schüler gefunden. „Wir nehmen nur Schüler mit Intelligenzen im Genom-Orakel von 87 oder mehr.“ Auch der richtige Krankenkassentarif wäre schnell gefunden. Der Tarif orientiert sich fortan nur am Risiko der möglichen Erkrankungen. „Zahlen Sie nur, was sie müssen!“. Oder Schultests und Klausuren: „Du erhältst genau den Test, der entsprechend Deiner Genome zu Dir passt!“

Ungefähr 100 Jahre nach Freud und seiner Psychoanalyse und der Erfindung der Filmkamera, zoomen wir nochmal in den Menschen hinein. Manche behaupten, dass Emotionen erst durch die Aufnahmen der Filmkamera und Freuds Psychoanalyse „sichtbar“ und gesellschaftlich akzeptiert wurden - der Schauspieler musste fortan Emotionen reproduzieren. Was das Genom-Orakel und weitere Gene-Editing-Methoden noch sichtbar machen werden, ist bereits am Horizont zu sehen. Nach Körperkraft & Muskeln, Emotionen & Gefühlen, wird nun die Disposition des Menschen verwertet, die relativ zu anderen steht. Je sichtbarer wir sie machen, desto eher wird sie Grundlage zukünftiger Entscheidungsprozesse der zukünftigen Tätigkeiten von Menschen und Institutionen sein. Genau hier ist eine neue menschenfreundliche Ethik vonnöten, auf die wir uns alle einigen müssen. Wo fängt bei einer digitalen Eugenik Freiheit an und wo hört sie auf?