Stadt. Land. Klima. Katastrophe. 

 
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Schafe blöken, es riecht nach Mist, Heu und Trockenfutter. Nebenan werden gerade die Kühe gemolken, sie blöken ebenfalls, Licht dringt kaum herein. So sah es hier wohl vor 30 Jahren aus, von oben wurde Stroh heruntergeworfen. Ich versuche mir vorzustellen, wie der LPG-Betrieb vor der Wende funktionierte. Alle im Dorf kennen dieses Gebäude mit seinen achtzig Zentimeter dicken Wänden, das Untergeschoss bestehend aus Feldsteinen und das Obergeschoss aus Ziegelsteinen, wohl erst später draufgesetzt; viele haben hier gearbeitet. Ich sitze im Untergeschoss auf einem dicken Fensterbrett aus Eiche und schaue aufs Feld, die Sonne geht gerade auf, der Horizont ist zartrosa, dann glühend rot. Das Fensterbrett ist so groß, dass man fast drauf schlafen könnte, die Decken vier Meter hoch, die Wände aus Stroh und Lehm glatt verputzt, geweißt. Heute ist keine Ziege mehr in Sicht, die Scheune beherbergt elf Wohneinheiten mit kompletter Verkabelung, zentralem Internet für das ganze „Haus“ sowie moderner Küche und Bäder aus Sandstein. Die Dorfbewohner, die vor dreißig Jahren und länger in der Schäferei gearbeitet haben, kommen immer wieder staunend vorbei. 

Ich gönne mir den Luxus einer Landwohnung. Ungefähr eine Stunde fahre ich hier heraus, von einer Lage am Stadtrand kann man sicher nicht mehr sprechen. Die Landflucht aus großen Städten ist Teil der Digitalisierung und Globalisierung zugleich. Autos sind günstig, Internet gibt es auch hier, Video-Calls sind anerkannte Alternativen zu Meetings, warum dann nicht auch hier arbeiten? Ich könnte morgens auf einem Solidaritätshof helfen Kartoffel zu ernten, dann für vier bis fünf Stunden am Laptop arbeiten und abends in einem der Gasthöfe mit Künstlern aus der Umgebung sprechen, ja vielleicht sogar trinken und tanzen. Klingt alles sehr romantisch und funktioniert natürlich nur, wenn die richtigen Leute dabei sind und man weiß, wo die Gehöfte liegen. Das sind wohl eher Gedanken, die in eine Stadt passen, wo ständig alles möglich ist. Life is on demand. Und telefonieren kann ich in meinem fünfzig Quadratmeter Schafs-Loft auch nicht, die Wände sind einfach zu dick, null Empfang. Und ohne Auto ist man hier auch fast schon ein Gefangener. Doch dieses Gefangen-sein ist genau das, was ich suche. Zeit existiert hier nicht. Die einzige Konstante ist der Bus.

Dieses Gefangen-sein wirft mich eigenartig auf mich selbst zurück. Wenn es dunkel wird, dann ist es wirklich richtig dunkel und andere Menschen trifft man so gut wie nicht, die Sterne könnten mir noch eher den Weg weisen. Der Spiegel der Gesellschaft hört dann auf zu reflektieren, ich bin nur mit mir, niemand wertet oder beäugt mich. Jetzt verstehe ich auch, wenn Heidegger sagt: „Wovor die Angst sich ängstet, ist das In-der Welt-sein selbst.“ Das Verstecken vor der puren Welt, gelingt hier nur schwerlich. Eine wirklich schwierige Aufgabe, plötzlich nur mit sich zu sein, diese Ruhe zu ertragen. Und doch kann ich es nicht verleugnen: Die Stadt blinkt ständig auf, nicht am Horizont, dafür jedoch auf meinen Bildschirmen. Die Smart Country Side hängt der Stadt kaum noch hinterher. Für selbstfahrende Auto werden Landstraßen das Paradies sein. Busse, die on demand bestellt werden können, werden bereits getestet. Die intelligenteste Route berechnet dann der Computer, statt Linienbusse gibt es on-demand-Routen-Busse, die jeder nach Bedarf bestellen kann. Im Harz testet das Fraunhofer Institut solch eine Idee schon. Langfristig soll so die Anbindung auf dem Land gestärkt werden. 

Doch wenn ich mir das Leben auf dem Land in ferner Zukunft vorstelle, dann soll es einfach nur Land bleiben, schön und grün und kräftig und einfach. Schnöde Natur zum Verweilen, Flugzeuge, dröhnenden Autobahnen oder Windkrafträder sind genug des Lärms, die Einöde wird wieder gebraucht. Auf wildes Drohnengesurre kann ich verzichtet. Aber es wird wohl kommen, wenn ich mir demnächst einfach alles in die Landwohnung bestellen werde und mein Leben hierhin verlagert habe. Hier ist Platz, die Drohne könnte frei und ungestört fliegen, im Schwarm mit den Vögeln, zusammen tanzen sie, das Tier gewöhnt sich dann nicht an den Menschen, sondern an die Maschine und geht eine gewinnbringende Symbiose ein - die Animalytca. Die Maschinen-Tier-Wissenschaft ist geboren, das Verhalten von Rehen auf Robotern wird fortan untersucht, oder wie Micro-Roboter-Bienen mit Marienkäfern, Hornissen und Wildblumen interagieren - Irgendwas ist ja immer. Vielleicht müssen wir uns über die Country Side auch überhaupt keine Gedanken mehr machen, da sie unbewohnbar wird. Der Klimawandel nimmt uns die Entscheidung ab, das Leben in der ewigen Stadt wird zur Normalität für alle, auch bei uns im schönen Europa, Natur kommt dann aus dem Screen

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Die Alternative zur Landflucht: VR Brillen mit Naturimitat.

 
 
Felix Wieduwilt