Brauchen Roboter gleiche Rechte wie Menschen?

 
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Zugegeben, die Frage ist etwas suspekt, entspringt aber einem Gedankenexperiment, nach diesem wir alle längst leben, ja sogar es teilweise fanatisch betreiben. Somit lohnt es sich, darüber einmal nachzudenken. Die Rede ist von der Digitalisierung. Viele sehen die Digitalisierung ja skeptisch, kritisch oder nur schwer zu durchschauen, andere laben sich euphorisch an ihr. Man redet auch von der digitalen Transformation – ganze Branchen und Forschungsfelder sind daraus neu entstanden. Egal ob physische oder geistige Produkte, transformatiert wird eine ganze Menge. Im Grunde passiert aber nichts anders, als dass wir Abläufe durch vorgefertigte und standardisierte Regeln automatisieren. Unsere Welt soll in den digitalen Regeln der Algorithmen eingehüllt werden; alles soll bis in den kleinsten Winkel bestimmt und vorhersehbar gemacht werden. Ob die Navigation mit Google Maps, der städtische Verkehr, Musik-Streaming, das Bestellen einer Pizza, Produktionsabläufe in Fabriken, das Zustellen von Paketen, die morgendliche Zeitung auf dem Tablet, das Matchen der Liebe auf Tinder, das Anstellen der Heizung, alles wird automatisiert und steuerbar.

Am liebsten würden wir Maschinen jegliche Arbeit erledigen lassen. Ein schönes Beispiel sind Robo-Advisor: Smarte Algorithmen kennen und beobachten den Finanzmarkt rund um die Uhr und entscheiden automatisiert, wie das Geld am besten angelegt wird. Der Anleger muss nur sein Geld überweisen und den Rest übernimmt die Maschine. Sie geben Empfehlungen, treffen Entscheidungen und verwalten unser Leben. Dahinter steckt, so kann man das deuten, die vage Idee der technischen Singularität. Maschinen erreichen irgendwann einen Punkt, wo sie selbstständig lernen und sich ohne Zutun des Menschen weiterentwickeln. Im Idealfall sind sie unsere ständigen Begleiter und können uns hilfreiche Tipps und Ratschläge geben, wie man es beim Film Her sehen kann. In engumrissenen Branchen passiert das sicher jetzt schon. Google Maps, Finanzalgorithmen oder Streamingdienste lernen und entwickeln sich weiter, wenn wir sich benutzen – mehr aber auch nicht bisher.

Die digitale Transformation ist der zarte Versuch der technischen Singularität

Auf Grundlage dieser Gedanken habe ich mir die Frage gestellt, ob Roboter nicht irgendwann gleiche Rechte wie Menschen benötigen und angefangen, mein Buch Urteil ohne Gott zu schreiben. Einige von euch werden jetzt anfangen, euren Toaster, den Laptop oder euren Smart TV anzugucken und abwegig mit dem Kopf zu schütteln. Nein, diese Geräte sollten Objekte bleiben und weiterhin pflichtbewusst ausschließlich ihren vorgesehenen Dienst tätigen. Die Frage wird eher sinnvoll erscheinen, wenn wir den Gedanken der technischen Singularität konstruktiv betrachten und ihn in den weltweiten religiösen, wirtschaftlichen und politischen Kontext miteinbeziehen. Denn dann kommen wir nicht mehr Drumherum, uns zu fragen, was Maschinen eigentlich sind und wie wir Menschen uns neben ihnen, den Tieren und den Pflanzen konkret verorten wollen.

 Maschinen werden Rechte haben, um uns Menschen zu schützen

Immerhin schützen wir Tiere und Vegetationen aktiv und nachhaltig und sprechen ihnen damit außerordentliche Rechte zu, existieren zu dürfen. Wir begraben Hunde in zeremoniellen Ritualen und geben ihnen das Recht der Totenruhe; wir halten Kühe für heilig, bedanken uns bei Gott für eine üppige Ernte; pilgern zu Präsentationen von Apple und Co., wie es sonst Menschen in die Moschee oder in die Kirche treibt. Das altehrwürdige Volk der Mayas hatte einen Maisgott, weil er ihnen durch den Verzehr von Mais das Leben schenkte und damit die Kultur bzw. das Überleben sicherte. Dieser wurde oft in Form einer Statue verbildlicht und zeigt damit die zentrale Bedeutung von Mais im Leben der Maya. „Schuf der jüdische Gott Adam aus Staub, so verwendeten die Maya-Götter Mais, um ihre Menschen zu formen. […] Warum aber wurde ausgerechnet der Mais zum wichtigsten Nahrungsmittel und verehrten Getreide in Amerika und nicht der Weizen oder irgendeine Form von Fleisch? […] Die Pflanzengattung, von welcher der Mais abstammt, die Teosinte, ist wunderbar anpassungsfähig. Sie wächst sowohl im üppig-feuchten Tiefland als auch in den trockenen Gebirgsregionen, so dass Bauern sie überall dort anbauen können, wo sie sich jahreszeitlich bedingt aufhalten. Erntet man das Getreide regelmäßig, führt das zu größerem und üppigerem Wachstum; Mais kann also recht schnell ziemlich ertragreich werden – die Bauern bekamen für die Arbeit, die sie investierten, in der Regel einen ordentlichen Ertrag. Vor allem aber ist Mais reich an Kohlenhydraten, die den Körper sofort mit Energie versorgen.“ (MacGregor, „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“) Mais war also wichtig, um zu überleben und wurde so durch einen Gott geschützt.

Das italienische Disegno der Renaissance gilt als göttliche Gabe von Künstlern, ganze Welten zeichnerisch erschaffen zu können, wie es sonst nur Gott selbst mit der Erde gemacht hat. „From the Renaissance this ability to invent, or create, put the artist on a footing with God, the ultimate Creator, and was a means of raising the status of painting from craft to art.” Ihre Fähigkeiten waren durch Gott begründet und geschützt.

Politik, Religion und Wirtschaft waren bis zur Renaissance eng miteinander verwoben und oftmals Eins, eine Trennung gab es nicht. Sie hatten jedoch zusammen oder einzelnen den gleichen Zweck: Sie dienten dem Überleben der Gesellschaft und stellten Regeln auf, die besondere Rechte geltend machten. „Der Glaube an Gott, vermuten viele Evolutionspsychologen, mache kooperativ, und Rituale stiften Gemeinschaft. Religion diene damit, so die These, als «sozialer Klebstoff»; sie stellt die Moral auf fest Füße.“ (van Schaik & Kai Michel, „Das Tagebuch der Menschheit“)

Wenn eine Gesellschaft also stetig digitalisiert werden soll und unser Überleben zunehmend von dem Funktionieren der digitalen Regeln abhängt, müssen wir den smarten Algorithmen auch irgendwann Rechte zugestehen, die sie schützen. So wie der Maisgott der Mayas dafür verantwortlich war, dass die Uhreinwohner immer genügend Mais zum Überleben hatten, wird es irgendeine Instanz geben, die das Internet, die Maschine oder die Digitalisierung dauerhaft gewährleistet.

Friedrich II. von Preußen ordnete im 18. Jahrhundert den Anbau von Kartoffeln an, um Hungersnöte zu verhindern. Die Kartoffel genoss ein Sonderrecht vermehrt wachsen zu dürfen. In unserer westlichen Welt gilt ein demokratisches Recht, das jeder einzelne Bürger auf gleiche Weise genießen soll. Rechte müssen aber nicht immer Rechte heißen, denn Rechte beziehen sich oftmals nur auf Menschen. Naturschutzgebiete sind eben Besondere Rechte für Flora und Fauna, weil wir erkannt haben, dass ihr Vorhandensein uns Menschen hilft, zu existieren. Wir müssen die Natur mit Rechten ausstatten, um unser gesellschaftliches Zusammenleben zu sichern.

Ist es dann nicht auch konsequent, technische Errungenschaften zu sichern und zu schützen, wenn sie das Überleben von uns Menschen sichern? Legt man die Idee der technischen Singularität zu Grunde, dann ist die Maschine evolutionär zu betrachten und gliedert sich in einer Reihe mit der Natur ein. So werden technische System irgendwann so groß sein, wie die Natur es heute für uns ist, und bei Versagen unser ganzes Zusammenleben gefährden. Auf der anderen Seite, sollen laut dem Gedanken der technischen Singularität die Menschen irgendwann mit Maschinen zusammenwachsen und eine Symbiose erzeugen. Und dann? Ein konkretes Beispiel: Was passiert, wenn die Armprothese eines Menschen durch einen anderen Menschen zerstört wird, die er dringend benötigt, aber als solche nicht erkenntlich ist? Ist das Körperverletzung oder kommt die Haftpflichtversicherung des Missetäters zum Tragen? Spätestens hier fängt die Rechtefrage an.

In meinem Buch Urteil ohne Gott gehe ich auf religiöse, wirtschaftliche und soziale Argumente ein, warum Roboter Rechte haben sollte und warum nicht.